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Sippenhaft-Nancy

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Zum Tag der Intertextualität / Jelinek

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Es gibt Dinge, die als undarstellbar gelten. Ich glaube, mal gelesen zu haben, das Rancière zum Beispiel die Shoah als einen solchen Gegenstand begreift. Was passiert also in dem Moment, wo mir ein Freund erzählt, er habe ein Video von einem Terrorakt angesehen, bei dem über tausend Menschen ihr Leben ließen? Wenn das Video authentisch ist? Was schaut dieser mir vertraute Mensch in dem Moment an, was vermitteln ihm die Pixel am Schirm, dieser zuverlässige Pointillismus unserer Tage, der die Information verabsolutiert und die Geschichte (=Narration) unterdrückt?  Ich erkenne an der Härte in seiner Stimme, dass das Gesehene ihn verändert hat und sei es nur ein bisschen. Ich beneide ihn nicht um diese Veränderung. Wenn er sich auf die Grausamkeit des Gesehenen beruft, um damit seine politischen Argumente zu stützen, merke ich, ich bin außenvor. Ich kann nichts sagen. Weil ich ja nicht gesehen habe, was er gesehen hat. Ich räume also das Feld. Wenn man es so nennen will.  Ziehe ...

T. C. Boyle América / Betrachtungen über "Amerika"

1. Körper Die Obdachlosen dort sprechen einen nicht an Sie stellen sich nur aus Beharren auf ihrem Recht, ein Skandalon zu sein. Die Fettflecken und Schimmelstellen der American-Dream-Tüte zu verkörpern. Ja, und in der Tat. Diese Körper ver-körpern. Sie werden weniger Körper und mehr Zeichen. Tragen in ihren Schwielen den Schmutz der Straße. Verweisen mit ihren Wunden, die nicht heilen, auf ein System, in dem der Körper (wie ALLES ALLES ALLES) kapitalisiert ist. Ich meine nicht tatsächlich (denn tatsächlich würde das wahrscheinlich schon gehen, dass man in einer sozialen Einrichtung sich das desinfizieren und verbinden lässt) Sondern symbolisch. Ich lese diese Körper symbolisch und behaupte gleichzeitig, dass sie genau das einfordern. Damit sind sie übrigens das genaue Gegenteil der Botox-Welt. Jene funktioniert subkutan und besteht darauf, KEINE Zeichen zu beherrbergen. (Eine eliminierte Falte ist das Anti-Zeichen schlechthin, oder?). Das Dispositiv zu leugnen. Ich habe mir eingebilde...

Über Authentizität / Landshut / Restauration

  Worum geht es?  Geht es darum, wer als Held dasteht? Die GSG 9, frisch gebacken, windhundflinke Kampfmaschinen? Mit ihrem Feuerzauber. Oder die Lufthansa mit ihrer übermenschlichen Maschine, die wie die Bienen, fliegt, obwohl es eigentlich unmöglich ist?  Oder geht es darum, wie die Fernsehproduktion mit Moritz Bleibtreu auf die Wunde RAF eine schöne Zuckerglasur zu packen, damit den Leuten am Schluss nicht die Barbarei (Splitterbombe im Kinderwagen) sondern die Coolnes (Bonbonpapierwerfen im Gerichtssaal) im Arbeitsspeicher bleibt?  Aber warum sollte daran ausgerechnet eine Zeitzeugin ein Interesse haben? Oder geht es um ein falsches Verständnis von Restauration nach dem Motto: packen wir auf das rostige Ding nur etwas schönen Lack drauf, Ledersitze rein und — Boom — ist die Aura wiederhergestellt. Die Aura, die für sinnvolle Erinnerungsarbeit unverzichtbar ist (Schulklassen durchschleusen, Selfies, Referate — fertig ist die Laube!) Ich gebe zu: ich bin verwirrt. ...

Nicola Kötterl - (Anti-)Körper

Eine Textbegehung von Janik Hauser (dieser Text ist im Programmheft zu Gestus erschienen) Gestell Wir sind überdurchschnittlich zottlige Menschen, als wir hereinkommen, aber der whitecube (einer, der den Namen verdient) macht uns sofort zu Modell-Exemplaren. Leuchtet uns aus. Der graue Natursteinboden lässt uns schweben wie Halbgötter. Die Höhe der Decken macht einen gleichzeitig klein wie eine Ameise. Für sein Festspielhaus hat Richard Wagner an der vorderen Bühnenkante eine kleine Rampe bauen lassen, damit der Körper, wenn er sich nähert, der Kulisse magisch enthoben wirkt. Ich vermute, er hätte diesen Ort geliebt. Gips(Und wir sind auch nicht alleine. Am rechten und linken Rand dieses unheimlichen Guckkastens liegen Körperteile aus Gips. Arme, Beine, und anderes. Wir entsinnen uns kurz, dass ein Körper aufhört, ein gottgegebenes Ganzes zu sein, wenn er zerteilt wird. Und fragen uns eine Sekunde, ob nicht genau das schon zu Lebzeiten geschieht, während wir von Fitness für Bauch-Bein...

Past Lives / Krise der Narration

Also wenn ich diesen Byul-Hang richtig verstehe, dann sind INSTA und Snapchat die Endstufe der Vernichtung der Narration. Obgleich "Stories" genannt fragmentiert sich die Lebenserzählung dort zu einzelnen Informationen (die eben genau Punkte sind und keine kohärenzstiftende Eklektik iSe Erzählung als Linie). Diese Zerstückelung ist ganz im Sinne der dataharvester , die sie in Vorhersagemacht ummünzen, dh. vor allem auf einer "Vorstufe des Bewusstseins" (etwas hinkende Analogie mit dem Medium Film nach Walter Benjamin und Freud) Kaufentscheidungen prognostizieren und provozieren können. Und vielleicht bin ich jetzt naiv oder zu binär unterwegs, wenn ich denke raushören zu können, dass dieser Verlust einer Verortung des Menschen in einer ganzheitlichen Erzählung (irgendwo ist da auch Heidegger reingemodelt worden), etwas negatives ist. Dass dadurch etwas wertvolles verlorengeht.  An anderer Stelle haben wir uns schon mit dieser Erzählbarkeitskrise als Krise des Patr...

Anmerkung zu ISBN 978-3-406-79145-1 , S. 94

 Ich weiß, es ist wieder nur ein kleines Detail, an dem ich mich aufhänge. Aber in mir wehrt sich etwas dagegen, die Behauptung zu akzeptieren, dass Kästner seine Streiflichter , die von den Nürnberger Prozessen handeln, nur auf diese Weise schrieb, weil Verdrängung am Werk war. Diese ihm eigene Weise -- vorhin viel mir auf, ich bin ihr vor genau einem Jahr schon mal begegnet, weil mir jemand Fabian zum Geburtstag geschenkt hat -- lapidar an das Große heranzugehen aber sehr verliebt und verspielt mit dem Detail.  Ich meine es ist nicht so, dass es mir nicht bewusst wäre, dass es einen ganzen Zweig in der Literaturwissenschaft gibt, der Anleihen bei den Methoden der Psychoanalyse macht (allerdings habe ich nie ganz genau verstanden, was es damit auf sich hat, weil ich mich damit, wie mit verdammt vielen Dingen, nicht eingehend genug beschäftigt habe). Und ich möchte auch nicht unterstellen, dass diese Denker*innen den heiligen Gral der Literaturwissenschaft antasten, indem sie...