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Nicola Kötterl - (Anti-)Körper

Eine Textbegehung von Janik Hauser (dieser Text ist im Programmheft zu Gestus erschienen) Gestell Wir sind überdurchschnittlich zottlige Menschen, als wir hereinkommen, aber der whitecube (einer, der den Namen verdient) macht uns sofort zu Modell-Exemplaren. Leuchtet uns aus. Der graue Natursteinboden lässt uns schweben wie Halbgötter. Die Höhe der Decken macht einen gleichzeitig klein wie eine Ameise. Für sein Festspielhaus hat Richard Wagner an der vorderen Bühnenkante eine kleine Rampe bauen lassen, damit der Körper, wenn er sich nähert, der Kulisse magisch enthoben wirkt. Ich vermute, er hätte diesen Ort geliebt. Gips(Und wir sind auch nicht alleine. Am rechten und linken Rand dieses unheimlichen Guckkastens liegen Körperteile aus Gips. Arme, Beine, und anderes. Wir entsinnen uns kurz, dass ein Körper aufhört, ein gottgegebenes Ganzes zu sein, wenn er zerteilt wird. Und fragen uns eine Sekunde, ob nicht genau das schon zu Lebzeiten geschieht, während wir von Fitness für Bauch-Bein...

Past Lives / Krise der Narration

Also wenn ich diesen Byul-Hang richtig verstehe, dann sind INSTA und Snapchat die Endstufe der Vernichtung der Narration. Obgleich "Stories" genannt fragmentiert sich die Lebenserzählung dort zu einzelnen Informationen (die eben genau Punkte sind und keine kohärenzstiftende Eklektik iSe Erzählung als Linie). Diese Zerstückelung ist ganz im Sinne der dataharvester , die sie in Vorhersagemacht ummünzen, dh. vor allem auf einer "Vorstufe des Bewusstseins" (etwas hinkende Analogie mit dem Medium Film nach Walter Benjamin und Freud) Kaufentscheidungen prognostizieren und provozieren können. Und vielleicht bin ich jetzt naiv oder zu binär unterwegs, wenn ich denke raushören zu können, dass dieser Verlust einer Verortung des Menschen in einer ganzheitlichen Erzählung (irgendwo ist da auch Heidegger reingemodelt worden), etwas negatives ist. Dass dadurch etwas wertvolles verlorengeht.  An anderer Stelle haben wir uns schon mit dieser Erzählbarkeitskrise als Krise des Patr...

Anmerkung zu ISBN 978-3-406-79145-1 , S. 94

 Ich weiß, es ist wieder nur ein kleines Detail, an dem ich mich aufhänge. Aber in mir wehrt sich etwas dagegen, die Behauptung zu akzeptieren, dass Kästner seine Streiflichter , die von den Nürnberger Prozessen handeln, nur auf diese Weise schrieb, weil Verdrängung am Werk war. Diese ihm eigene Weise -- vorhin viel mir auf, ich bin ihr vor genau einem Jahr schon mal begegnet, weil mir jemand Fabian zum Geburtstag geschenkt hat -- lapidar an das Große heranzugehen aber sehr verliebt und verspielt mit dem Detail.  Ich meine es ist nicht so, dass es mir nicht bewusst wäre, dass es einen ganzen Zweig in der Literaturwissenschaft gibt, der Anleihen bei den Methoden der Psychoanalyse macht (allerdings habe ich nie ganz genau verstanden, was es damit auf sich hat, weil ich mich damit, wie mit verdammt vielen Dingen, nicht eingehend genug beschäftigt habe). Und ich möchte auch nicht unterstellen, dass diese Denker*innen den heiligen Gral der Literaturwissenschaft antasten, indem sie...

Krieg / öffentliches Sprechen / Deutungshoheit über Gewalt (Gedanken zu punktlive) 2

 Also wieder wurde etwas vorgelegt. Und ich soll darüber sprechen. Also was heißt soll. Niemand hat mich darum gebeten. Ich fühle vielmehr einen inneren Drang. Einen Trieb, den man vielleicht besser unterdrücken sollte. Oder zumindest sublimieren. Vielleicht ist diese Form des Sprechens aber schon Sublimierung genug. Weil sie nie zur Sache kommt. Sie zielt immer darnach aber verfehlt sie permanent. Mein ganzes Sprechen eine einzige Aberatio Ictus. So sei es denn. Alles beginnt, wir hatten schon darüber gesprochen, mit der Behauptung eine neue Sprache zu finden. Für das Theater. In den Zeiten der Digitalisierung. Für einen Anthroposophen wie mich natürlich eine offene Kampfansage. Und der Dramaturg in mir (er ist nicht zu Ende ausgebildet. Überdies verkümmert von so viel Liebeskummer, Marketing, Exzessen, Jura -- allesamt denkfeindliche und kritiklose Tätigkeiten) vermutet bei dieser Wendung der Sprache (sie windet sich förmlich, wenn sie über sich selbst spricht) natürlich eine Fl...

Krieg / öffentliches Sprechen / Deutungshoheit über Gewalt (Gedanken zu punkt.live; Mehr Theatre Group, Davide Enia) 1

 Stell dir vor, es ist Krieg und keiner schaut hin.  Oder ein ganzes Volk darf ihn nicht so nennen.  Oder er wird von der Straße in die Gefängnisse verschoben.  Wie verlagern sich dann die Ressourcen im Rahmen zwischenstaatlicher Solidarität?  Wie entwickelt sich die Stimmung an der Heimatfront?  Wie sieht ein Exil oder eine Desertion aus? Vielleicht trügt der Schein mich ja, aber Selenskyj hat das kriegerische Handeln wieder anschlussfähig gemacht für den Pausenhof.  Ein Heldencomic, der mit lässigem Shirt daherkommt.  Das eindeutig Gute im David, das eine wohltat ist für die Seele, in Zeiten des Goliath Desinformation. Wer archiviert eigentlich die grausam geschundenen Körper  (auf beiden Seiten)? Und holt sie ins Bewusstsein zurück, damit die ganze Geschichte nicht zu cool, marketing und lifestyle wird? Der Epos? Während die Meldungsspalte zum Frontverlauf über den einzelnen Körper schweigt? Der Zeugenbericht? Die Mauerschau? Kann die Spra...

Sachpolitik / Klimakleber / Intersektionalität / Technologieoffenheit

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Ich bin gestern mit einer Kommilitonin über den Campus der Goethe-Uni gegangen, wo ein Klimacamp aufgebaut ist und bei einem Blick auf das ausgehängte Programm meinte sie etwas befremdet: Was hat denn smash the patriarchy, der ayurvedische Tanzworkshop und der Kurdische Arbeiteraufstand mit dem Klima zu tun? Ich ließ das umkommentiert und wendete mich dem Tagwerk zu. Aber später kam mir die Frage nochmals in den Sinn. Und da musste ich an die ehemals grüne Politikerin aus Owingen denken, die antrat als Parteilose. Und nun Abtritt. Und in deren Kommentarspalten sich die immergleichen Schwaben zusammenrotten und über das Heizungsgesetz reden. Also nein. Sie reden nicht  darüber . Niemand redet  darüber , weil niemand es kennt. Alle reden  daran vorbei . Und da sind wir beim Punkt. Wenn Herr Scholz die Klimakleber verniedlicht, dann weil er Angst vor ihnen hat. Wenn es über Luisa Neubauer anzüglich laut wird, dann weil es irritiert, dass eine junge Frau weit besser informier...

Hoftheater. Eine Farce. (I Akt, erstes Bild)

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