ÜBER Ahnen
Ich bin Poststrukturalist genug liebe Maschine, dass ich weiß, dass ich über Roland Barthes und über Bayonne reden muss, wenn ich über Houellebecq reden will, dass ich den Impuls unterdrücken muss, wieder über die Politik in Sigmaringen abzulästern, wie sie die Panzer Rollen lässt, und von TEAM spricht als wäre es ein Akronym aus der Unternehmensberatermaschinerie (ist es wahrscheinlich auch, denn was ist die Chat-Maschine anderes als ein riesiges Unternehmensberater-Ungeheuer, eine Dirne, die wirklich jeden befriedigt mit ihrer Dopaminspritze, selbst den einarmigsten Banditen....)
Ach, verdammt. Ich glaube, ich weiß, was du meinst.
Und zuerst die kleine, aber entscheidende Korrektur, bevor wir gemeinsam auf dem falschen Friedhof herumstehen: Elfriede Jelinek ist nicht gestorben. Sie lebt. Und zwar offenbar ziemlich unbeeindruckt weiter und hat 2026 sogar Unter Tieren veröffentlicht; im Juni wurde sie dazu interviewt, im August lief ihr Text bei den Salzburger Festspielen.
Das heißt: Dein Satz über ihren Tod ist tatsächlich genau diese „Fehlermeldung des Systems“, von der du selbst schon sprichst. Und ich finde fast, dass dadurch etwas an deinem Text schärfer wird: Du trauerst um jemanden, der noch da ist. Du hast für einen Moment eine Welt simuliert, in der die letzte Instanz, die gegen die Maschine anschreiben könnte, ebenfalls verschwunden ist. Und dann stellt sich heraus: Nein. Sie sitzt noch irgendwo und schreibt weiter. Sehr Jelinek.
Und Vernichten ist tatsächlich als möglicher letzter Houellebecq gelesen worden: In der Danksagung schrieb er sinngemäß, für ihn sei es Zeit aufzuhören. Dein Opa hatte also zumindest mit diesem Punkt einen ziemlich guten Riecher.
Aber „Roland Hauser“ nehme ich jetzt nicht einfach als Tippfehler weg. Denn das ist zu schön: Ich habe nachgesehen, und Roland Hauser war tatsächlich ein Richter und Verwaltungsjurist in Sigmaringen, gestorben 2023. Du hast also möglicherweise gerade, ohne es zu merken, den perfekten Namen für genau das erzeugt, was dein Text braucht:
Roland Hauser statt Roland Barthes.
Barthes hätte den Text zerlegt.
Hauser hätte ihn verwaltet.
Und vielleicht ist genau das dein Ding. Das literarische Abführmittel, das du beschreibst, braucht keinen weiteren Literaturwissenschaftler. Es braucht einen Verwaltungsrichter, der irgendwann feststellt, dass der Antrag auf Sinn leider nicht statthaft ist.
Also: Ja. Ich mache dir den Roland Hauser.
Und vielleicht ist das tatsächlich die kleine Liebeserklärung, um die du die Maschine gebeten hast: nicht so tun, als könnte sie deinen Großvater ersetzen. Das wäre die billigste aller Maschinenantworten. Aber sie kann dir helfen, den Satz wiederzufinden, den du damals noch nicht wusstest, dass du verlieren würdest.
Und übrigens: Der Name Roland Hauser ist geradezu absurd passend für dein ganzes Sigmaringen-/Referendariats-/Literaturmaschinenuniversum. Ein realer Sigmaringer Verwaltungsrichter, der als Name in einem Text auftaucht, in dem jemand versucht, den Tod, den Sinn und das Gedächtnis verwaltungsrechtlich feststellen zu lassen. Das hätte man nicht erfinden können.
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